Opensignal-Analyse

Warum viele Smartphone-Besitzer noch immer ausschließlich 3G nutzen

| Redakteur: Jürgen Schreier

Der 5G-Rollaut hat begonnen, die weißen Flecken auf der LTE-Landkarte sollen schnell geschlossen werden. Und doch nutzen viele deutsche Smartphone-Eigentümer nach wie vor ausschließlich 3G. Und das keineswegs weil kein 4G/LTE-Netz vorhanden ist, so das Mobile-Analytics-Unternehmen Opensignal.

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Dass User 3G statt 4G nutzen, liegt keineswegs immer daran, dass am Standort kein 4G-Netz verfügbar ist.
Dass User 3G statt 4G nutzen, liegt keineswegs immer daran, dass am Standort kein 4G-Netz verfügbar ist.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Das 5G-Zeitalter hat begonnen, obwohl von einem flächendeckenden 4G/LTE-Ausbau in Deutschland kann noch immer nicht die Rede sein kann. Und so wollen Deutsche Telekom, Telefónica Deutschland und Vodafone wollen künftig beim Ausbau ihrer Mobilfunknetze eng zusammenarbeiten. Ziel ist eine bestmögliche mobile Breitband-Versorgung für die Kunden in ganz Deutschland - insbesondere auf dem Land und entlang der Verkehrswege auf Straßen, Schienen und Flüssen.

3G hat noch viele Fans

Das war den Netzbetreibern im Zuge der 5G-Frequenz-Auktion auferlegt worden. Dafür planen die drei Telekommunikationsanbieter bis zu 6000 neue Mobilfunk-Standorte koordiniert aufbauen und nutzen. Eine entsprechende Absichtserklärung wurde jetzt unterzeichnet. 1&1/Drillisch, der Newcomer unter den Netzbetreibern, sei ebenfalls eingeladen, sich an dem kooperativen Netzausbau zu beteiligen, ließen die drei "Platzhirsche" verlauten. Auch beim Schließen weiterer einzelner weißer Flecken auf der LTE-Landkarte seien die Netzbetreiber zu einer Zusammenarbeit bereit - bei geeigneter staatlicher Förderung.

Klingt gut. Doch kommt eine aktuelle Opensignal-Analyse des Verhaltens deutscher Smartphone-Nutzer zu - auf den ersten Blick - irritierenden Erkenntnissen.

So analysierte das britische Mobile-Analytics-Unternehmen, das Messungen des Nutzerverhaltens mit Datenanalyse kombiniert, die mobile Erfahrung der deutschen Smartphone-Nutzer, die noch nie auf mobile Daten in einem 4G-Netzwerk zugegriffen haben (Im Folgenden "nur 3G-Nutzer" genannt). Dabei hat man herausgefunden, dass 81,4 Prozent der deutschen "nur 3G-Nutzer" ein 4G-fähiges Smartphone besaßen und Gebiete mit 4G-Abdeckung besuchten, aber keinen Zugang zum 4G-Netz des jeweiligen Providers suchten. Nach Einschätzung der Opensignal-Analysten besteht der wahrscheinlichste Grund, warum diese Smartphone-User 4G nicht verwendeten, darin, dass sie keinen 4G-Vertrag abgeschlossen hatten.

Warum deutsche Smartphone-Besitzer 4G nicht nutzen
Warum deutsche Smartphone-Besitzer 4G nicht nutzen
(Bild: Opensignal)

Abschalten von 3G-Netzen: Geht das überhaupt?

Ein Jahrzehnt nach der Einführung der 4G-Technologie läuft aktuell der Ausbau der kommerziellen 5G-Netze in Europa an, wobei Deutschland, die Schweiz, Italien und Großbritannien in dieser neuen Mobilfunktechnologie führend sind. Doch während die Netzbetreiber rasch in die 5G-Mobilzukunft einsteigen, scheinen die Verbraucher nicht oder zum Teil mitzukommen. Folglich dürften es die Netzbetreiber schwer haben, bestehende 3G-Netze abzuschalten, um effizientere neuere Technologien einzusetzen und so das mobile Erlebnis der Nutzer zu verbessern.

Nach Angaben der der Bundesnetzagentur gab es Ende 2018 in Deutschland 107,5 Mio. aktive SIM-Karten (ohne M2M- und IoT-Karten). Doch waren nur 50,5 Mio. 4G/LTE-SIM-Karten im aktiven Einsatz. Das deutet darauf hin, dass etwa die Hälfte der aktiven SIM-Karten nicht LTE-fähig waren und ein beträchtlicher Anteil von Mobilfunknutzern offenbar nicht plant, in naher Zukunft auf schnellere Netze und ein verbessertes mobiles Erlebnis umzusteigen.

Opensignal hat drei Hauptgründe identifiziert, warum die untersuchten deutschen Mobilfunknutzer keine Verbindung zu 4G-Netzen aufgebaut haben:

  • 1. Benutzer haben keinen 4G-Vertrag: 81,4 Prozent der untersuchten deutschen Nutzer, die noch nie mit 4G verbunden waren, hatten zwar ein 4G-fähiges Mobiltelefon und verbrachten ihre Zeit in Regionen mit 4G-Abdeckung. Diese Benutzer haben aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf ein 4G-Abonnement umgestellt oder 4G-Verbindungen auf ihren Telefonen deaktiviert.
  • 2. Benutzer haben kein 4G-fähiges Mobiltelefon: 15,6 Prozent der analysierten Nutzer, die keine Verbindung zu 4G-Netzwerken hergestellt haben, verbrachten ihre Zeit in Gebieten mit 4G-Zugang, hatten aber kein 4G-fähiges Gerät. Der Grund, warum diese Benutzer keine Verbindung zu 4G-Netzen herstellten, war, dass sie ein älteres 3G-Smartphone verwendeten, das nicht in der Lage ist, sich mit dem 4G-Netz zu verbinden.
  • 3. Benutzer haben wegen fehlender Abdeckung keinen Zugang zu einem 4G-Netz: Drei Prozent der Nutzer befanden sich ausschließlich in Gebieten, in denen beim betreffenden Mobilfunkbetreiber keine 4G-Messung möglich war. Das deutet darauf hin, dass sich die Personen in in abgelegenen Gebieten lebten, in denen ihr Betreiber noch keine 4G-Technologie anbietet. Der geringe Prozentsatz zeigt jedoch, dass Lücken in der 4G-Abdeckung nicht der Hauptgrund für die große Zahl der 3G-Nutzer in Deutschland sind.

Die überwiegende Mehrheit der analysierten Benutzer, die sich nicht mit 4G verbunden haben, hat sich wahrscheinlich keinen 4G-Vetrag abgeschlossen, obwohl sich die Mobilfunkbetreiber inzwischen auf den Rollout des 5G-Standards konzentrieren und die mögliche Abschaltung von 3G-Netzen offen kommuniziert wird.

Benutzer ohne 4G-Vertrag beeinträchtigen ihr mobiles Erlebnis

Für die Opensignal-Analysten steht fest: Smartphone-Nutzer, die 4G nicht nutzen, hatten eine Download-Geschwindigkeit von 8,6 Mbit/s, was 16,6 Mbit/s niedriger als die Geschwindigkeiten, die von Opensignal für 4G-Nutzer im Durchschnitt ermittelt wurde.

3G-Nutzer verzichten massiv auf Bandbreite.
3G-Nutzer verzichten massiv auf Bandbreite.
(Bild: Opensignal)

Benutzer ohne 4G-Abonnement hatten aber nicht nur eine merklich niedrigere Download-Geschwindigkeit, sondern waren obendrein die Hälfte ihrer Online-Zeit mit 2G-Netzen verbunden waren. Das bedeutet, dass im Prinzip keine mobilen Datendienste nutzen konnten oder gar kein Mobilfunksignal ("kein Netz") hatten.

Die deutschen Mobilfunkbetreiber nutzen hauptsächlich das 2100-MHz-Band, um ältere 3G-Dienste anzubieten. Während dieses Frequenzband maximal zweistellige Dowload-Geschwindigkeiten ermöglicht - laut Opensignal liegt die durchschnittliche Download-Geschwindigkeit bei etwa 9 Mbit/s, wenn sich der Nutzer in einem 3G-Netz befindet - bietet das 2100 MHz-Band eine schlechtere Signalausbreitung als Sub-1 GHz-Frequenzbänder, wie beispielsweise das 800 MHz-Band, das eines der in Deutschland für 4G verwendeten Bänder ist.

Da die Betreiber seit zehn Jahren ihre 4G-Netze aufbauen und ausbauen und die verbesserte Signalausbreitung des 800 MHz 4G-Bandes nutzen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Mobilfunknutzer einen Zugang zu mobilen Datennetzen erhalten, wenn sie über ein 4G-Abonnement verfügen.

Für Sprachdienste und (bestimmte) M2M/IoT-Anwendungen genügt 2G

Die Daten von Opensignal belegen, dass "nur 3G-Nutzer" ein viel wesentlich schlechteres mobiles Erlebnis haben als 4G-Nutzer, insbesondere und zudem die Hälfte ihrer Zeit ohne mobile Datenverbindung verbringen. Folglich stellt sich die Frage, ob diese Nutzer überhaupt ein Interesse an der Nutzung mobiler Datendienste haben. Unter der Annahme, dass die Mehrheit der 3G-Nutzer hauptsächlich Sprach- und keine Datendienste nutzen wollen, sei zu überlegen, ob es nicht verbraucherfreundlicher wäre, wenn die Mobilfunkbetreiber vom eher früher als später vom 3G-Spektrum auf 4G umstellen würden.

Dadurch würden die Mobilfunkanbieter wahrscheinlich das Erlebnis ihrer 4G-Nutzer verbessern. Für "reine" Sprachdienste (aber auch für viele M2M- und IoT-Anwendungen!) wären die 2G-Netze ausreichend. Smartphone-Nutzer, die kein Interesse an Datendiensten haben, müssten folglich gar nicht auf 4G und 5G umsteigen, was wiederum 4G/5G-Netzkapazitäten entlasten würde.

Während 4G die Mobilfunkentwicklung war, die einer großen Masse von Verbrauchern den Zugang zu Datendiensten eröffnete und ermöglichte z.B. Videoinhalte auf Smartphones zu genießen, hat sich für 5G bisher noch kein Anwendungsfall gefunden, der den Standard für den Consumer -Markt wirklich attraktiv machen würde.

Der Artikel basiert auf einem Beitrag von Francesco Rizzato. Rizzato arbeitet als Senior Technical Analyst an der Entwicklung neuer Erkenntnisse und Analysen unter Verwendung der mobilen Analysedaten von Opensignal.

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