Kommune 4.0

Smart City: 50 deutsche Städte wollen intelligent werden

| Redakteur: Jürgen Schreier

Der Smart-City-Atlas von Bitkom, Fraunhofer IESE und Partnern analysiert die Digitalstrategien in 50 Städten. Dabei zeigt sich, dass Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg bei Smart-City-Initiativen die Nase vorn haben. Wichtigste Handlungsfelder bei der Digitalisierung sind Verwaltung, Mobilität, Energie und Umwelt.

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Darmstadt gewann 2017 den Wettbewerb "Digitale Stadt" von Bitkom und Deutschem Städte- und Gemeindebund und ist heute eine der führenden Smart Cities in Deutschland.
Darmstadt gewann 2017 den Wettbewerb "Digitale Stadt" von Bitkom und Deutschem Städte- und Gemeindebund und ist heute eine der führenden Smart Cities in Deutschland.
( Bild: Pixabay / CC0 )

Digitale Behörden, intelligente Netze und smarte Services: In Deutschland machen setzen immer mehr Kommunen auf Digitalisierung. 50 Städte in der Republik haben bereits Smart-City-Initiativen gestartet. Das ist das Ergebnis des Smart-City-Atlas, den der Digitalverband Bitkom in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software-Engineering (IESE) und 13 weiteren Partnern erstellt hat.

„In digitalen Städten wird Urbanität neu definiert“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Wir haben die deutsche Smart-City-Landschaft vermessen und nach thematischen Schwerpunkten gegliedert. Mit dem Smart-City-Atlas legen wir erstmals eine umfassende qualitative Analyse der Digitalisierung deutscher Städte vor.“ Voraussetzung für die Aufnahme in den Altas war, dass in der Kommune eine integrierte Digitalstrategie entwickelt, eine ressortübergreifende Organisationseinheit geschaffen oder ein lokales Partnernetzwerk für die Digitalisierung etabliert wurde.

Fokus liegt auf Verwaltung, Mobilität, Energie und Umwelt

Die 50 untersuchten Städte befinden sich jeweils in unterschiedlichen Phasen. 19 haben bereits eine digitale Agenda verabschiedet und 29 sind dabei, eine solche zu entwickeln. Wichtigste Themenfelder sind die Digitalisierung von Verwaltung (98 Prozent), Mobilität (92 Prozent) sowie Energie und Umwelt (86 Prozent). Leuchtturmprojekte, die die Städte selbst benennen, werden vor allem in den Themenfeldern Verwaltung (74 Prozent), Mobilität (60 Prozent) und Datenplattform (36 Prozent) realisiert.

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Der Smart-City-Atlas beinhaltet ausführliche Porträts aller 50 Städte, beschreibt die jeweiligen Organisationsstrukturen in den Rathäusern und listet lokale Leuchtturmprojekte. Dabei sind keineswegs nur Metropolen und Großstädte wie Hamburg, München oder Leipzig vertreten. Auch 13 Mittelstädte haben sich auf den Weg in Richtung Digitalisierung gemacht, darunter Bad Hersfeld in Hessen, Coburg in Bayern sowie Lemgo in Nordrhein-Westfalen.

Die 50 Städte verteilen sich auf das gesamte Bundesgebiet mit allen 13 Flächenländern und den drei Stadtstaaten. Am häufigsten vertreten sind Nordrhein-Westfalen mit 15 und Baden-Württemberg mit acht Kommunen. Beide Bundesländer fördern die Digitalisierung von Städten und Regionen mit spezifischen Landesprogrammen. Dahinter folgen Bayern (7), Niedersachsen (5) und Sachsen (3).

Herausforderungen und Handlungsempfehlungen

„Regionale Förderprogramme und Wettbewerbe wie Digitale Stadt waren die Initialzündung für viele Smart-City-Initiativen in Deutschland. Die breite lokale Unterstützung und die große öffentliche Aufmerksamkeit haben viel Schwung und Begeisterung in die Städte gebracht“, ist Berg überzeugt.

Im Jahr 2017 gewann Darmstadt den Wettbewerb "Digitale Stadt" von Bitkom und Deutschem Städte- und Gemeindebund und ist eine der führenden Smart Cities in Deutschland. Die 160.000-Einwohner-Stadt entwickelt unter anderem ein intelligentes Ampelsystem und eine übergreifende Datenplattform zur Visualisierung und Vernetzung unterschiedlicher Themengebiete. Weitere Schwerpunkte liegen auf IT-Sicherheit und digitaler Verwaltung.

Größte Herausforderungen auf dem Weg zur Smart City sind nach Angaben der Städte die digitale Teilhabe, die Qualifizierung der Verwaltungsmitarbeiter und der Umgang mit Fragen zu Datenschutz, Datensicherheit und IT-Sicherheit. Die im Rahmen des Smart-City-Atlas interviewten Experten leiten folgende Handlungsempfehlungen für die Digitalisierung von Kommunen ab:

  • Unterstützung der höchsten Führungsebene und Digitalisierung zur Chefsache machen.
  • Gestaltung eines möglichst schlanken Strategieprozesses.
  • Schaffung einer zentralen Institution, die koordiniert, initiiert und kommuniziert.
  • Einbeziehung aller relevanten Akteure vor Ort sowie der Mitarbeiter und Bürger.
  • Überregionaler Erfahrungsaustausch.
  • Digitalisierung im Kleinen beginnen, Einzelmaßnahmen schnell und agil umsetzen.

Die Ergebnisse sind in einem kostenlos verfügbaren Studienbericht unter www.digitalestadt.org/smart-city-atlas verfügbar. Die Städte werden zudem über einen interaktiven Online-Atlas vorgestellt. Die Digitalisierung von Kommunen ist zentrales Thema der Smart Country Convention. Die Kongressmesse zur Digitalisierung von Verwaltungen und öffentlichen Dienstleistungen findet vom 22. bis 24. Oktober 2019 in Berlin statt.

Welche Technologien machen Städte smart?

Der amerikanische Netzwerkanbieter Juniper Networks hat gemeinsam mit dem Marktforschungsunternehmen YouGov in einer Studie ermittelt, welche Erwartungen die 12.000 befragten Bürger in sechs europäischen Ländern an den potenziellen Nutzen von Smart Cities knüpfen – und welche Bedenken gleichzeitig noch bestehen. Damit beschäftigt sich der aktuelle Blogpost von Michael Kroker unter dem Titel „Smart Cities: Hälfte der Europäer will digitalen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen“. Der wichtigste Vorteil ist für die Mehrzahl der Befragten (51 Prozent) ein besserer digitaler Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und Informationen, gefolgt von mehr öffentlicher Sicherheit.

Die beiden Schlüsselfaktoren für das Funktionieren von Smart Cities sind zum einen Interoperabilität (47 Prozent) und Cybersicherheit (36 Prozent) für Geräte, Dienste und Daten. Sicherheit taucht auch noch an einer anderen Stelle in den Ergebnissen der Studie auf. Datenschutz (42 Prozent) und Daten- und Infrastruktursicherheit (40 Prozent) werden als potenziell größte Herausforderung für die Umsetzung von Smart City-Projekten betrachtet.

Dazu ein Kommentar von Ian Low, Autor bei GlobalSign, einem Unternehmen für Identitätslösungen im IoT: "Smart Cities und Smart Technology bieten praktische aber auch wirtschaftliche Vorteile. Ich konzentriere mich auf vier Hauptbereiche, die in den letzten Jahren besondere Fortschritte gemacht haben. Das sind die Bereiche Sicherheit, Effizienz in der Abfall- und Wasserwirtschaft, Verkehrs- und Infrastrukturprobleme und Verkehrsmittel selbst.

Eine mit Smart Cities verbundene Erwartung ist die von mehr Sicherheit durch Überwachung im öffentlichen Raum. Über CCTV-Kameras zum Beispiel. CCTV selbst ist nicht gerade neu. Aber neue Technologien wie die Gesichtserkennung haben ihren Wert gesteigert. So verspricht man sich verdächtige oder gefährliche Personen zu identifizieren, bevor sie ein Verbrechen begehen oder Personen nach einer Straftat schnell zu identifizieren. Aktuelle CCTV-Kameras können aber noch mehr. Sie überwachen Bewegungen, geben Feuer- und Rauchalarm aus, messen die Luftqualität, ver- und entriegeln Türen je nach wahrgenommener Situation und vieles mehr. Über die ganze Stadt verteilte Hotlines und Panic Buttons gehören ebenfalls in die Sicherheitsszenarien smarter Städte. Panic Buttons sind an einem festen Standort installiert. Dadurch können Polizei und andere Einsatzkräfte den Bereich genau lokalisieren und entsprechend reagieren. Smart Technologies wie Verkehrsleitsysteme helfen zusätzlich schneller am Ort des Geschehens zu sein.

Die Wasser- und Abfallwirtschaft kämpft mit einer ganzen Reihe von Problemen: Wasser geht durch unerkannte Lecks und Verstopfungen verloren, es wird mehr Wasser verbraucht als nötig, es kann nicht rechtzeitig festgestellt werden, wenn die Wasserqualität unzureichend ist, der Transport von Wasser und Abfall verbraucht zu viel Energie und so weiter. Eine Lösung, zu der auch ein intelligentes Wassersystem gehört, sind Smart Water Grids (intelligente Wassernetze) (SWGs). Sie gewährleisten die Sicherheit der zur Verfügung gestellten Wassermenge und überwachen den Verbrauch. Zusätzlich lässt sich die Wasserqualität testen.

Ein großer Vorteil in vielen Smart Cities ist die Möglichkeit, bestimmte Verkehrslagen und häufige auftretende Engpässe durch Sensoren in Fahrzeugen zu überwachen. Die gesammelten Daten betreffen zum Beispiel Bereiche in denen der Fahrer häufig schnell bremsen muss. Das signalisiert ein hohes Verkehrsaufkommen sowie gefährliche Gebiete oder Kreuzungen, die zum Wohl der Allgemeinheit entschärft werden sollten. Unfallgefährdete Kreuzungen werden überdurchschnittlich stark überwacht und so umgestaltet, dass es den Verkehrsfluss erleichtert. Daneben überwacht Smart Technology etwa die Alterung von Geräten wie Lichtzeichenanlagen und Fußgängerampeln oder sie kann den Einfluss des Verkehrs auf die Umweltbedingungen ermitteln.

Ein wichtiger Aspekt jeder Stadt ist die Fähigkeit, Güter, Dienste und Menschen effizient zu transportieren. Ineffiziente Verkehrsmittel, egal ob durch übermäßigen Leerlauf aufgrund von hohem Verkehrsaufkommen oder zu viel Individualverkehr erhöhen die Schadstoffemissionen. Daher suchen viele Städte nach intelligenten Technologien, um Fahrten zu optimieren und alternative Möglichkeiten für Privatpersonen zu schaffen. Ein Weg sind Handy-Apps, die Zeitschätzungen für Züge, Busse und andere öffentliche Verkehrsmittel erlauben. Die App sollte Zeitschätzungen für jede genommene Route enthalten und für alternative Routen in der Stadt verfügbar sein, um auch die aktuellen Verkehrslagen widerzuspiegeln. Diese vergleichsweise einfache Methode gibt nachvollziehbare Kriterien an die Hand, ob man besser ein individuelles oder ein öffentliches Verkehrsmittel wählt. Ein weiterer wichtiger Trend sind Elektrofahrzeuge.“

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