Wer bosst den Boss?

Mitarbeiter vertrauen Künstlicher Intelligenz mehr als ihren Chefs

| Redakteur: Jürgen Schreier

Eine neue Studie von Oracle und Future Workplace zeigt, dass KI-basierte Geschäftsanwendungen einen beträchtlichen Einfluss auf das Verhältnis zwischen Mensch und Technik im Job haben. So vertrauen 64 Prozent der Beschäftigten mittlerweile einer KI-Entscheidung mehr als ihrem Chef. Keine guten Perspektiven für die Bosse. Oder doch?

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Der Roboter denkt... und lenkt? Möglichweise, denn die Mehrheit der Beschäftigten vertraut einem
Der Roboter denkt... und lenkt? Möglichweise, denn die Mehrheit der Beschäftigten vertraut einem "Roboter" mehr als ihrem Chef.
(Bild: Oracle)

Bossing ist Mobbing von oben. Das heißt der Boss versucht, mit allerlei (fiesen) Tricks jene Arbeitnehmer zu vergraulen, die er auf seiner Abschussliste hat. Doch nun geraten viele Bosse selbst ins Visier. Ihr Boss ist allerdings nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Bits und Bytes. Big Data, Business Intelligence, Advanced Analytics und KI heißen die Instrumente, die so manchen Chefsessel (früher oder später) zum Wackeln bringen könnten.

McAfee und Brynjolfsson: Data-driven decisions are better decisions

So zeigen beispielsweise die bekannten MIT-Wissenschaftler Andrew McAfee and Erik Brynjolfsson in ihrem Beitrag "Big Data: The Management Revolution" dass datenmbasierte Entscheidungen meist zu besserer ökonomischer Performance führen als Entscheidungen, die auf menschlicher Erfahrung und den ominösen "animal spirits" (John Maynard Keynes) von Unternehmenslenker beruhen. "Data-driven decisions are better decisions—it’s as simple as that", konstatieren die beiden Forscher aus Cambridge/Mass. - die diese Erkenntnis in ihrem aktuellen Buch "Platform, Machine, Crowd: Harnessing Our Digital Future" weiter vertiefen.

Zu ähnlichen Resultaten kommt die zweite jährliche „AI at Work“-Studie von Oracle und Future Workplace: Schon heute vertrauen Mitarbeiter auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Anwendungen - beispielsweise Chatbots - mehr als ihren Vorgesetzten.

„In den vergangenen zwei Jahren haben wir festgestellt, dass sich die Einstellung der Mitarbeiter gegenüber KI am Arbeitsplatz positiv gewandelt hat, und dass die Personalabteilung diesbezüglich eine Vorreiterrolle spielt. Die aktuelle Studie zeigt, dass Künstliche Intelligenz nicht nur das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Vorgesetzten neu definiert, sondern auch die Rolle eines Managers in einem KI-gesteuerten Arbeitsplatz. Basierend auf den Ergebnissen werden Vorgesetzte auch künftig relevant bleiben, wenn sie sich auf ihre menschlichen Stärken konzentrieren und ihre Soft Skills einsetzen. Technische Skills und Routineaufgaben können sie hingegen ohne Weiteres Robotern überlassen“, sagt Dan Schawbel, Forschungsdirektor bei Future Workplace.

KI verändert Verhältnis von Mensch und Technik am Arbeitsplatz

Generell werden KI-Lösungen und KI-Anwendungen das Verhältnis zwischen Mensch und Technik am Arbeitsplatz signifikant verändern. Diese Entwicklung betrifft auch die Rolle, die HR-Teams und -Manager bei der Gewinnung, Bindung und Entwicklung neuer Mitarbeiter spielen. Auf diese Herausforderung müssen sie sich entsprechend vorbereiten.

Entgegen allgemeiner Befürchtungen, dass KI zur Verunsicherung bei den Mitarbeitern führt und Arbeitsabläufe stark beeinträchtigen könnte, kommt die Studie zu einem völlig anderen Ergebnis. Mitarbeiter, Manager und Personalverantwortliche auf der ganzen Welt sprechen von einer zunehmenden Akzeptanz und viele begrüßen sogar die Vorteile Künstlicher Intelligenz.

  • Auf KI basierende Geschäftsanwendungen finden sich in immer mehr Büros: Rund die Hälfte (50 Prozent) aller Arbeitnehmer nutzt derzeit eine Form von Künstlicher Intelligenz bei der Arbeit, verglichen mit nur 32 Prozent im Jahr 2018.
  • Die Mehrheit (65 Prozent) der Befragten zeigt sich „optimistisch, aufgeregt und dankbar“ über den Support ihrer Roboterkollegen, und fast ein Viertel gibt an, ein gutes Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz zu haben.
  • Männer beurteilen KI am Arbeitsplatz positiver als Frauen (32 Prozent der Männer urteilen positiv gegenüber 23 Prozent der Frauen).

„Neueste Fortschritte im Bereich des Maschinellen Lernens und der Künstlichen Intelligenz erreichen aktuell schnell den Mainstream. Das führt zu einer massiven Veränderung der Art und Weise, wie Menschen auf der ganzen Welt mit Technologien und ihren Teams interagieren. Wie diese Studie zeigt, wird das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine am Arbeitsplatz derzeit neu definiert, und es gibt keinen einheitlichen Ansatz, um diesen Wandel erfolgreich zu bewältigen. Stattdessen müssen Unternehmen enger mit ihrer Personalabteilung zusammenarbeiten, um die Implementierung von KI-Anwendungen am Arbeitsplatz zu personalisieren und um den sich ändernden Erwartungen ihrer weltweiten Teams gerecht zu werden“, kommentiert Emily He, SVP, Human Capital Management Cloud Business Group, Oracle.

Angestellte vertrauen Robotern mehr als ihren Managern

Die wachsende Akzeptanz von KI am Arbeitsplatz hat einen erheblichen Einfluss auf die Art und Weise, wie Mitarbeiter mit ihren Chefs interagieren. Dadurch verschiebt sich auch die traditionelle Rolle des HR-Managements und der HR-Manager.

  • 64 Prozent der Mitarbeiter vertrauen KI mehr als ihrem Vorgesetzten, und die Hälfte hat sich schon einmal an einen Roboter gewandt, statt ihren Vorgesetzten zu fragen.
  • Männer (56 Prozent) vertrauen Robotern noch mehr als Frauen (44 Prozent).
  • 82 Prozent der Befragten denken, dass Roboter, beziehungsweise KI, einige Dinge besser können als ihre Vorgesetzten.
  • Auf die Frage, was Roboter besser können würden als ihre Vorgesetzten, nannten 26 Prozent die Weitergabe unvoreingenommener und wertfreier Informationen, 34 Prozent der Einhaltung von Arbeitszeiten, 29 Prozent Problemlösungskompetenz und 26 Prozent Budgetverwaltung.
  • Und was können Manager besser als Roboter? Die Befragten erklärten, dass sie Gefühle besser verstünden (45 Prozent), kompetentere Berater seien (33 Prozent) und eine bessere Arbeitskultur schaffen könnten (29 Prozent).

Ehrlicherweise ist jedoch festzustellen, dass KI am Arbeitsplatz noch in den Kinderschuhen steckt. Um die neuesten Fortschritte in Sachen KI bestmöglich nutzen zu können, müssten sich Unternehmen auf die Vereinfachung und Sicherung von KI-basierten HCM-Anwendungen in Büro und Co. konzentrieren, so die Experten von Oracle und Future Work.

  • 76 Prozent der Arbeitnehmer (und 81 Prozent der Personalverantwortlichen) finden es schwierig, mit dem Tempo des technologischen Wandels am Arbeitsplatz Schritt zu halten.
  • Mitarbeiter würden KI-Lösungen im Büro gerne einfacher anwenden können. Sie wünschen sich beispielsweise eine bessere Benutzeroberfläche (34 Prozent), Best Practice-Schulungen (30 Prozent) und eine auf ihre Belange und ihr Verhalten zugeschnittene User Experience (30 Prozent).
  • Sicherheitsbedenken (31 Prozent) und die Sorge um die Preisgabe privater Informationen (30 Prozent) sind die Hauptaspekte, die verhindern, dass Mitarbeiter KI am Arbeitsplatz nutzen.
  • Die Digital Natives, die Generation Z (43 Prozent) und die Millennials (45 Prozent) sind mehr um Privatsphäre und Sicherheit am Arbeitsplatz besorgt als die ältere Generation X (29 Prozent) und die noch älteren Baby Boomers (23 Prozent).

Macht KI Führungskräfte wirklich überflüssig?

Mike Warmeling, Erfolgstrainer und Gründer von Warmeling Consulting in Osnabrück, hat sich zu dem Thema ebenfalls so seine Gedanken gemacht und mag kein Bossing der Bosse durch KI erkennen. „Experten wie Neil Jacobstein von der Singularity University im Silicon Valley prognostizieren, dass die künstliche Intelligenz die menschliche bis 2030 überflügelt. Denn in naher Zukunft sollen Algorithmen in 70 bis 80 Prozent der Fälle bessere Entscheidungen treffen als Menschen. Nun könnte man meinen, dass diese Entwicklung klassische Führungspositionen in Unternehmen überflüssig macht und stattdessen alle Mitarbeiter gleichberechtigt nebeneinander arbeiten, während eine Maschine die Richtung vorgibt. Diese Zukunftsvision wird sich allerdings nicht bewahrheiten, da zum einen eine Maschine die emotionale Intelligenz eines Menschen nicht ersetzen kann und zum anderen Unternehmen ohne starke Führungskräfte nicht funktionieren."

Consultant
Consultant Mike Warmeling: "Während Teams dazu neigen, an bequemen Routinen festzuhalten, verfolgen Führungskräfte visionäre Ziele − sie entwickeln Konzepte und Pläne und treiben deren Umsetzung voran. Sie nehmen ihren Mitarbeitern die Angst vor Neuem und motivieren sie, die Entwicklung umzusetzen."
(Bild: Warmeling Consulting)

Aber was sind starke Führungskräfte und was haben die den Zahlen und Algorithmen voraus? "Gute Führungskräfte", erläutert Warmeling, "verfügen über Persönlichkeitsmerkmale wie Zielstrebigkeit oder Durchsetzungsvermögen, die sie zu ihrer Position befähigen. Die restlichen Mitarbeiter brauchen diese Führungskraft, die ihnen sagt, welche Aufgaben momentan hohe Priorität haben. Sie sind froh, wenn sie die Verantwortung an jemand anderen abgeben können und sie nicht auf ihren Schultern lastet. Während Teams dazu neigen, an bequemen Routinen festzuhalten, verfolgen Führungskräfte visionäre Ziele − sie entwickeln Konzepte und Pläne und treiben deren Umsetzung voran. Sie nehmen ihren Mitarbeitern die Angst vor Neuem und motivieren sie, die Entwicklung umzusetzen."

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