Industrie 4.0 Drei 5G-Wellen: Die deutsche Industrie erwartet große Veränderungen

| Autor / Redakteur: Ondrej Burkacky / Jürgen Schreier

Der Absatz von 5G-Modulen für das Internet der Dinge wird bis 2030 deutlich steigen. Am meisten davon profitieren Elektronikhersteller, Anbieter von industriellen IoT-Modulen und Lösungen zur industriellen Automatisierung sowie Industrieunternehmen. Sie sollten sich darauf vorbereiten.

Organisationen müssen ihren strategischen Ansatz für den Umgang mit 5G anpassen.
Organisationen müssen ihren strategischen Ansatz für den Umgang mit 5G anpassen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Corona-Krise hat der Wahrnehmung digitaler Entwicklungen einen enormen Schub gegeben. Im Zentrum davon steht auch der Mobilfunkstandard 5G, der die Industrie grundlegend verändert. Auch wenn sich Details der Entwicklung noch herauskristallisieren müssen, sind klare Trends erkennbar. So werden aller Voraussicht nach vor allem die Elektronikhersteller, die Anbieter industrieller IoT-Module und Automatisierungslösungen sowie Industrieunternehmen selbst von der Entwicklung profitieren. Entscheider in diesen Branchen sollten unbedingt Strategien entwickeln, um die Vorteile des 5G-Ausbaus zu nutzen.

5G kommt aus den Startlöchern

Rund ein Jahr nach der Versteigerung der 5G-Lizenzen kommt die Technologie aus den Startlöchern. Eine Studie von McKinsey aus dem Frühjahr 2020 hat gezeigt, dass der Absatz von 5G-Modulen für das Internet der Dinge innerhalb der nächsten zehn Jahre deutlich steigen wird. Demnach werden 2030 knapp 250 Millionen Einheiten verkauft werden. Knapp 20 Prozent davon werden 5G technologisch voraussetzen, während die restlichen 80 Prozent als Ersatz der derzeitigen 4G-Einheiten dienen werden. Hauptabnehmer ist laut der Studie die Industrie.

Der Weg dahin ist nicht linear. Der Wandel hin zu dem neuen Standard wird sich beschleunigen. Grund dafür ist der zu erwartende Preisrückgang: So kosten die Module für 5G-IoT-Lösungen anfangs doppelt bis dreifach so viel wie 4G-Module, werden aber im Laufe der Zeit deutlich günstiger. Experten erwarten, dass die Preise bis 2025 jedes Jahr um durchschnittlich zehn Prozent sinken.

Die technischen Möglichkeiten von 5G kommen in drei Wellen: So profitieren in der ersten Welle Anwendungen auf Basis von Enhanced Mobile Broadband (EMBB) mit hohen Datenübertragungsraten. In der zweiten Welle folgen dann „ultra-reliable, low-latency communication“ (URLLC) -Anwendungen, die eine außergewöhnlich verlässliche und schnelle Übertragung voraussetzen. In der dritten Welle kommen dann schließlich MMTC-Lösungen – „massive machine-type communication“— bei denen Maschinen weitestgehend ohne menschliches Zutun Daten generieren, verarbeiten und an andere Maschinen weitergeben.

5G hebt Industrie 4.0 auf ein unerreichtes Niveau von Präzision, Geschwindigkeit und Komplexität

All dies wird die Industrie 4.0 in Deutschland auf ein unerreichtes Niveau von Präzision, Geschwindigkeit und Komplexität heben: Verfahren wie die automatisierte Nachverfolgung von Bauteilen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, der verstärkte Einsatz von Robotern in der Produktion, KI-basierte Sichtkontrollen oder hochwertige Virtual- und Augmented-Reality-Anwendungen werden mit 5G deutlich umfangreicher möglich.

Damit steigt auch innerhalb von Industrieunternehmen das Interesse daran, private Netzwerke auf Basis von 5G zu schaffen. Sie können die Vorteile der Technologie mit den Hürden für Datensicherheit im industriellen Umfeld verbinden. So etwas war bislang nur in Organisationen der öffentlichen Sicherheit üblich – mit 5G ist aber zu erwarten, dass große Industrieunternehmen noch in diesem Jahr mit dem Aufbau eigener Netze beginnen werden. Mittelständler werden aller Voraussicht nach in drei bis vier Jahren nachziehen.

Was tun?

Im Licht dieser Entwicklungen wird deutlich, dass Organisationen ihren strategischen Ansatz für den Umgang mit 5G anpassen sollten. Um die Technologie nicht nur zu nutzen, sondern auch auf dem Markt mitzutreiben und zu formen, gilt:

  • Elektronikhersteller sollten Anwendungen entwickeln, mit denen sie bereits aus dem B2C-Geschäft vertraut sind und für die sie bestehende Komponenten verwenden können. Perspektivisch sollten sie sich auf Chip-Sätze und Module konzentrieren, die das Potenzial von 5G im industriellen Kontext ausschöpfen können.
  • Automatisierungsunternehmen sollten im ersten Schritt den Fokus darauflegen, Bestandstechnologien an den neuen Standard anzupassen. Ist dies geschehen, sollte unbedingt ein Portfolio eigener IoT-Produkte im 5G-Ökosystem geschaffen werden.
  • Industrieunternehmen haben jetzt die Gelegenheit, die Einsatzmöglichkeiten von 5G-Anwendungen zu prüfen, die vielversprechendsten Lösungen zu priorisieren und sie in ausgewählten Fabriken zu testen. Außerdem ist jetzt der Zeitpunkt, eigene private 5G-Netzwerke aufzubauen und Kontakt zu möglichen Entwicklungspartnern aufzunehmen.

Ondrej Burkacky ist 5G-Experte und Partner im Münchner Büro von McKinsey & Company.
Ondrej Burkacky ist 5G-Experte und Partner im Münchner Büro von McKinsey & Company.
(Bild: McKinsey)

(ID:46698916)