US-Entity-Liste

Deutsche Tech-Unternehmen: Verlierer im US-chinesischen Handelsstreit?

| Redakteur: Jürgen Schreier

Deutsche Hightech-Unternehmen könnten aus dem Handelsstreit zwischen den USA und China als Verlierer hervorgehen. Darauf weist der Photonik-Verband Spectaris hin. Der Grund: Viele von ihnen beliefern vom US-Embargo betroffene chinesische Abnehmer mit (Vor-)Produkten, die auch US-Komponenten enthalten.

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Inspektion einer optoelektronischen Baugruppe
Inspektion einer optoelektronischen Baugruppe
( Bild: Berliner Glas Gruppe )

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China geht an der deutschen Hightech-Industrie nicht spurlos vorbei. Mehr noch: „In dieser Auseinandersetzung könnten unsere Unternehmen zu Verlierern werden“, sagt Jörg Mayer, Geschäftsführer des Verbandes Spectaris, der die Interessen der deutschen Hersteller von optischen, medizinischen und mechatronischen Technologien vertritt.

Der Grund: Immer mehr chinesische Technologieunternehmen, Universitäten und Forschungsinstitute landen auf der so genannten „US-Entity-Liste“, da die Aktivitäten der betreffenden Unternehmen laut der US-Regierung sowohl den nationalen Sicherheitsinteressen als auch den außenpolitischen Interessen der USA entgegenstehen.

90-tägige Übergangszeit wurde vorerst verlängert

Vorläufiger Höhepunkt war die Listung von Huawei Technologies sowie weiterer 68 mit Huawei verbundenen Unternehmen aus 26 Ländern im Mai 2019. In der Konsequenz unterliegen Ausfuhrgenehmigungen für Lieferungen von Gütern mit US-Ursprung an Huawei zukünftig einem Genehmigungsverbot. Verstöße gegen die Bestimmungen der US Export Administration Regulations können sowohl mit Verwaltungsstrafen als auch mit strafrechtlichen Sanktionen geahndet werden.

Das große Problem ist: Die Listung trifft auch Lieferanten außerhalb der USA, wenn diese Güter mit US-Ursprung oder US-Komponenten verbaut haben und an die betroffenen chinesischen Unternehmen auf der US-Entity-Liste liefern. „Damit werden automatisch auch deutsche Hightech-Lieferanten in den Handelsstreit hineingezogen“, erklärt Mayer.

Spectaris-Geschäftsführer Jörg Mayer: "Die Unklarheit darüber, was erlaubt und ist was nicht, führt zu starken Verunsicherungen in der Branche.“
Spectaris-Geschäftsführer Jörg Mayer: "Die Unklarheit darüber, was erlaubt und ist was nicht, führt zu starken Verunsicherungen in der Branche.“
( Bild: Spectaris )

Die 90-tägige Übergangszeit, in der US-Unternehmen Zeit hatten, ihre Geschäftstätigkeit mit Huawei zu beenden, lief am 19. August 2019 ab. Allerdings hat sich US-Handelsminister Wilbur Ross dafür entschieden, die Ausnahmeregelung um weitere 90 Tage zu verlängern. "Wir geben ihnen etwas mehr Zeit, um sich selbst zu entwöhnen", sagte er Journalisten der BBC.

Alternativen für US-Komponenten gesucht

Auch die deutschen Lieferanten müssen eine Alternative für die US-Komponenten in ihren Produkten finden, da viele ihrer US-Zulieferer die für den Endkunden Huawei bestimmten Lieferungen umgehend einstellt haben und diese Komponenten zukünftig nicht mehr verbaut werden können, ohne einen Schaden für ihre US-Zulieferer zu verursachen.

Doch das ist laut Spectaris nicht so einfach. Denn: „Das Ersetzen einzelner Komponenten gerade in den hoch spezialisierten Anwendungsfeldern, in denen die Produkte unserer Mitgliedsunternehmen zum Einsatz kommen, ist schwierig. US-Unternehmen sind häufig die führenden Anbieter, die als Zulieferer sowohl qualitativ als auch preislich attraktiver sind“, so Mayer.

Die Herstellung „US-freier“ Produkte wird laut Spectaris langfristig zu höheren Endpreisen für die betroffenen chinesischen Kunden führen. Unklar ist, ob Unternehmen wie Huawei diese zu zahlen bereit sind. Mayer: „Ankündigungen von Präsident Trump, US-amerikanischen Unternehmen die Lieferung ihrer Produkte an Huawei und so auch an deutsche Huawei-Lieferanten wieder zu erlauben, sofern diese kein nationales Sicherheitsrisiko für die USA darstellen, wurden bisher nicht konkretisiert. Wenn die US-Behörden zukünftig keine Ausfuhrgenehmigungen für unkritische Güter ausstellen, gehen einige unserer betroffenen Mitgliedsunternehmen durch die Listung von Huawei von Umsatzeinbußen von bis zu 25 Prozent aus.“

Bann trifft US-Chiphersteller und Softwarebranche

Auch die US-amerikanischen Zulieferer und die dortige IT-Branche spüren bereits erste Auswirkungen. Als einer der größten Smartphone-Anbieter ist Huawei wichtiger Kunde der US-amerikanischen Chiphersteller und Softwareunternehmen wie Google. Laut einer Erhebung des Finanzunternehmens Goldman Sachs kann die Listung von Huawei bei US-amerikanischen Zulieferern zu niedrigen, aber doch spürbaren Umsatzeinbußen führen.

Auch bei Huawei selbst hinterlässt der US-Bann bemerkbar. Weniger davon betroffen ist nach einem Bericht des britischen Nachrichtenportals Total Telecom das Geschäft mit Netzwerkinfrastruktur des chinesischen Technologieunternehmens. So sagte Huawei-Gründer und -CEO Ren Zhengfei, dass die Entscheidung der USA, Huawei in die Entity List aufzunehmen, wenig Einfluss auf den Erfolg der 5G-Netzwerksparte haben werde. Laut Zhengfei wird das Unternehmen in den nächsten 18 Monaten mehr als zwei Millionen 5G-Basisstationen produzieren wird, unabhängig davon, ob die USA beschließen, Huawei von der Entity List zu streichen oder nicht.

Für das Smartphone-Geschäft des Konzerns aus Shenzhen hingegen hat der US-Bann hingegen bereits jetzt spürbare Auswirkungen. Schließlich könnte Huawei der Zugang zum Betriebssystem Android, mit dem aktuell alle Huawei-Handys laufen, dauerhaft verwehrt bleiben. Zwar startete Huawei Anfang August 2019 sein eigenes Betriebssystem namens HarmonyOS als, um dem möglichen "Android-Verbot" zuvorzukommen.

Allerdings müsste für HarmonyOS ein eigenes Ökosystem aufgebaut werden, um gegenüber der Android-Welt wettbewerbsfähig zu sein. Das sei aber nichts, was man über Nacht erreichen könne, konzediert Huawei-CEO Ren Zhengfei. Die Schaffung eines solchen Ökosystems könne zwei bis drei Jahre dauern, so der ITK-Unternehmer.

Gegenmaßnahmen Chinas denkbar

Im Unterschied zu Mobilfunkdiensten, die die Technologien von Huawei lediglich anwenden, agieren jedoch die Spectaris-Mitgliedsunternehmen ähnlich wie US-Bauelementebranche oder Softwareanbieter Google als Zulieferer. Die Produkte werden dabei sowohl in Huawei-Geräte eingebaut, als auch in der Produktion verwendet. Sie werden beispielsweise in verschiedenen Anwendungen im Bereich der Optik, Elektronik, Mechanik, optischen Messtechnik, Photonik und im Qualitätsmanagement eingesetzt.

„Die Unklarheit darüber, was erlaubt und ist was nicht, führt zu starken Verunsicherungen in der Branche. So ist nicht deutlich, ob derzeit nicht gelistete Huawei-Gesellschaften beliefert werden dürfen. Konkrete Vorgaben der US-Administration fehlen“, beklagt Mayer. „Seitens China sind ebenfalls Gegenmaßnahmen wie die Einführung eines nationalen Exportkontrollgesetzes mit extraterritorialem Anwendungsbereich möglich. Dies alles geschieht zu Lasten der Geschäftstätigkeit von deutschen, europäischen und US-amerikanischen Unternehmen und zeigt deutlich, dass politisch motivierte Handelsbeschränkungen allen Wirtschaftsbeteiligten schaden.“

China - ein wichtiger Markt für die Photonik-Industrie

Die Volksrepublik China ist für die hauptsächlich von den US-Listungen betroffene Photonik-Branche mit Exporten in Höhe von 4,1 Milliarden Euro 2018 der zweitwichtigste Exportmarkt nach den USA. Im Vergleich zu 2017 stiegen die Exporte der deutschen Photonik-Industrie nach China um 10,2 Prozent. Chinesische Hightech-Unternehmen sind dabei wichtige Abnehmer der Hightech-Produkte „Made in Germany“.

Die USA spielen auch als Zulieferer optischer Komponenten eine wichtige Rolle für deutsche Hightech-Unternehmen. 2018 wurden Waren im Wert von 3,2 Milliarden Euro aus den USA bezogen. Dies umfasste neben Komponenten auch Geräte und Systeme. Damit sind die USA nach China der zweitwichtigste Bezugsmarkt für deutsche Hightech-Unternehmen aus dem Bereich Photonik.

Aktuell sehen sich die deutschen Hersteller von optischen Geräten und Systemen mit erheblichen Umsatzrückgängen konfrontiert. Für das erste Halbjahr hat der Verband Umsatzeinbußen von durchschnittlich 23 Prozent ermittelt. Insbesondere die Exporte brachen im ersten Halbjahr teilweise dramatisch ein und gingen in der Summe um etwa 25 Prozent zurück.

Besonders betroffen waren dabei die Ausfuhren innerhalb der EU, diese sanken um mehr als 35 Prozent. Die Exporte in Nicht-EU-Staaten gingen um zehn Prozent zurück. Bemerkenswert: Die Ausfuhren optischer Komponenten nach China konnten um 14 Prozent gesteigert werden.

Weitere Informationen von Spectaris zu US-Sanktionen und -Handelsfragen finden Sie hier.

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