Marktstudie

Campusnetze: Wer macht das Geschäft?

| Redakteur: Jürgen Schreier

Die steigende Nachfrage nach privaten Campusnetzen (LTE/5G) bietet den klassischen Netzbetreibern interessante Wertschöpfungschancen. Das Marktforschungsunternehmen Arthur D. Little (ADL) schätzt das globale Marktvolumen für solche Netze bis 2025 auf 60 bis 70 Milliarden Euro. Allerdings müssten die etablierten Carrier jetzt handeln und mit den richtigen Produkten auf die Kunden im B2B-Segment zugehen.

Die Versteigerung der 5G-Mobilfunkfrquenzen ist in vollem Gange. Derweil haben immer mehr Unternehmen Ambitionen, eigene private Campus-Netze aufzubauen. Neue Anwendungsgebiete wie Predictive Maintenance, Robotics oder AR/VR verlangen nach einer Vernetzung mit Hochgeschwindigkeit und großen Kapazitäten.
Die Versteigerung der 5G-Mobilfunkfrquenzen ist in vollem Gange. Derweil haben immer mehr Unternehmen Ambitionen, eigene private Campus-Netze aufzubauen. Neue Anwendungsgebiete wie Predictive Maintenance, Robotics oder AR/VR verlangen nach einer Vernetzung mit Hochgeschwindigkeit und großen Kapazitäten.
( Bild: Pixabay / CC0 )

Viele Unternehmen haben wirtschaftlich sinnvolle Anwendungsfälle und technologisch begründeten Bedarf für den Betrieb "privater" 5G- oder LTE-Technologie in ihren Räumlichkeiten. Dabei handelt es sich um sogenannte Campusnetze oder Fabriknetze, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.

Jedoch haben nach Einschätzung von ADL bisher wenige der etablierten Netzbetreiber (Carrier) einen strategischen Ansatz zur Befriedigung dieser Nachfrage entwickelt. Deshalb haben Unternehmen begonnen, selbst um den Zugang zu "ihrem" Spektrum zu kämpfen. Und: Die Regulierungsbehörden zeigen die Bereitschaft, zuzuhören und das Spektrum vor Ort zu versteigern bzw. wie in Deutschland im Rahmen eines Antragsverfahrens gegen Gebühr zu "vergeben".

Neue Player locken mit "Out-oft-the-Box"-Lösungen

Hinzu drängen neue disruptive Player mit einfachen "Out-of- the-Box"-Netzwerklösungen auf den Mobilfunkmarkt. Beide Entwicklungen zusammengenommen ebnen den Weg für Unternehmen, private Netze ohne Beteiligung der klassischen Carrier zu etablieren.

Private Campus Netzwerke: Das braucht man an Technik
Private Campus Netzwerke: Das braucht man an Technik
( Bild: ADL )

Neue digitale Use bzw. Business Cases wie Predictive Maintenance, AR/VR oder Smart Robotics werden zunehmend im industriellen Tagesgeschäft eingesetzt und bringen den Unternehmen greifbare Vorteile auf der Kostenseite (Produktivitätssteigerung) und/oder auf der Ertragsseite, da solche digitale Lösungen Chancen auf Zusatzgeschäfte und Neugeschäft eröffnen.

Physisch gesehen ist der Ort, an dem eine signifikante Digitalisierung stattfindet, der Campus (definiert als unternehmensgeführte, lokalisierte Umgebungen). Damit digitale Campus-Anwendungsfälle funktionieren, müssen die erforderlichen Netzwerk-, Computer- und Speicherkapazitäten vorhanden sein. Darüber hinaus müssen Unternehmen in der Lage sein, ihre Netzwerke ausreichend zu sichern und zu verwalten, um die die Anwendungen auszuführen.

Viele der am häufigsten verwendeten Zugriffstechnologien erfüllen im Rahmen von Industrie 4.0 bzw. IIoT nicht mehr die Anforderungen an die Konnektivität. Während die Standorte in ihrem bestehenden LAN oft über einen ausreichenden Durchsatz verfügen, sind die drahtlose Zugangstechnologien entweder zu teuer (Wireline) oder zu wenig performant (Wi-Fi) oder nicht "mobil" genug.

Im Fokus: Komplexitätsreduzierung

So wird es beispielsweise innerhalb eines WLAN-Netzwerks kaum möglich sein, eine Fabrik mit intelligenten Robotern auf einem großen Campus wie einem Flughafen remote zu bedienen, da es keine oder eine nur unzureichende Handover-Funktionalität gibt. Andererseits können öffentliche Mobilfunknetze aufgrund mangelnder Durchsatzleistung, Latenz und/oder Sicherheit nicht genutzt werden.

Daher wurde bisher oft eine Kombination aus öffentlichen und privaten Netzwerken mit mehreren Technologien unabhängig voneinander auf dem Campus eingesetzt. Dies führt zu Integrationskomplexität, mangelnder Prozesskontrolle sowie Problemen in puncto Sicherheit und typischerweise zu unzureichender Abdeckung.

Mit privaten Campusnetzen können viele der aktuellen Herausforderungen gelöst werden. Homogene Innen- und Außenabdeckung, technologieübergreifende Integration sowie erhöhte Kontrolle und Sicherheit ebnen den Weg für die Digitalisierung aus Netzwerksicht.

Allerdings haben nach Analysen von AK nur wenige Mobilfunkbetreiber bisher einen strategischen Ansatz entwickelt, um diese Chance zu nutzen. Schließlich könnten weltweit mehr als 15 Millionen Campusse mit moderner Mobilfunktechnologie (LTE/5G) ausgestattet werden. Folglich müssten die Carrier ein geeignetes Leistungsversprechen erstellen um jene (potenziellen) Kunden abzuholen, die Interesse an einem Campus- oder Fabriknetzwerk haben.

Carrier müssen schnell handeln

Dabei sind private Netzwerke grundsätzlich nichts Neues. Die Eisenbahnen verfügen seit Jahrzehnten über solche Netze. Bereits vor mehr als zehn Jahren wurden 2G-Slices für die lokale, private Nutzung versteigert. Allerdings blieb die Resonanz allgemein eher gering, da sowohl die Technologie als auch die Anwendungsfälle nicht ausgereift genug waren, um die erhoffte Wertschöpfung zu realisieren. Angesichts der Funktionalitäten, die LTE Advanced und 5G bieten, sieht die Lage jedoch anders aus.

Vorteile privater Campusnetzwerke
Vorteile privater Campusnetzwerke
( Bild: ADL )

Nach Einschätzung von ADL gibt es drei Faktoren, die die Betreiber veranlassen müssten, sofort Maßnahmen zu ergreifen: die Nachfrage der Unternehmen, regulatorische Veränderungen und neue Anbieter.

  • 1. Nachfrage aus der Industrie: Die Nachfrage wurde bereits durch zahlreiche private LTE-Campusnetze auf der ganzen Welt belegt. Darüber hinaus ist das Interesse an Campusnetzen groß.
  • 2. Regulatorische Veränderungen: Wie schon erwähnt, haben in Deutschland Unternehmen - sprich die Nutzer - die Möglichkeit, Campusnetze in Eigenregie aufzubauen und zu betreiben. In den USA bestehen verschiedene Möglichkeiten für private Campusnetze - z.B. innerhalb des nicht lizenzierten Citizens Broadband Radio Service (CBRS) im 3,5 GHz-Band, dessen kontrollierte Nutzung durch Software von Unternehmen wie Federated Wireless ermöglicht wird.
  • 3. Neue Lieferanten: Neben Unternehmen, die selbst Campusnetzwerke aufbauen wollen, nehmen neue Anbieter wie Ruckus Wireless und kleinere Systemintegratoren wie Airspan oder Challenge Networks diesen Markt ins Visier. Ruckus arbeitet mit AWS (Amazon Web Services) und Athonet zusammen, um eine private "Out-of-the-Box"-LTE-Lösung anzubieten. Die Nutzung des nicht lizenzierten CBRS-Spektrums in den USA ermöglicht die einfache Bereitstellung des Netzes sowie den zuverlässigen und sicheren Betrieb bei niedrigeren Kosten im Vergleich zu herkömmlichen LTE-Lösungen. Die cloudbasierten "Out-of-the-Box"-Netze können auch von IT-Mitarbeitern ohne besonderes Telco-Know-how administriert werden.
  • 4. Weitere Akteure, die kostengünstige, auf private Netzwerke zugeschnittene Lösungen anbieten, sind Parallel Wireless (RAN) und Accelleran (Small Cells). Die etablierten Carrier sollten die Aktivitäten der Anbieter nutzen, um attraktive Pakete zu entwickeln, da sie sonst Gefahr laufen, ausgeschlossen zu werden.
  • 5. Eine große Anzahl privater Campus-Netzwerke existiert bereits. Weltweit haben Bergbauunternehmen, Versorger Sportstättenbetreiber und Häfen bereits Campusnetze aufgebaut, um ihre Digitalisierungsziele zu erreichen. Über verschiedene Frequenzen hinweg bieten sie die erforderliche Konnektivität und Sicherheit für Anwendungsfälle wie Smart Manufacturing, geschäftskritische Kommunikation, erweiterte Videoinhalte, Prozessoptimierung usw.
  • 7. Viele der installierten privaten LTE-Netze sind bereits unabhängig vom traditionellen MNO-Spektrum. Mit der zunehmenden Verbreitung neuer Frequenzen für Nicht-MNOs wird sich die Wettbewerbslandschaft für private Campusnetze zunehmend öffnen.

Die Nachfrage nach privaten Campus-Netzwerken bietet den Betreibern die Möglichkeit, das Umsatzwachstum zu steigern, ist man bei ADL überzeugt. Allerdings müssten die Carrier zwei wesentliche Dinge tun:

  • 1. Den Wettbewerbsvorteils als Anbieter lizenzierter Frequenzen verteidigen.
  • 2. Die Gelegenheit ergreifen und ein geeignetes Produkt-/Dienstleistungsportfolio sowie eine erfolgversprechende Go-to-Market-Strategie entwickeln.

Damit die Carrier ihre Rolle als "Konnektivitätsanbieter" nicht verlieren, sollten sie laut ADL zunächst ihren Wettbewerbsvorteil (Skaleneffekte) als nationale Anbieter von Mobilfunknetzen verteidigen und - wo noch möglich - ihre Lobbyarbeit gegen regionale Frequenzspektren forcieren. Allerdings hängt Letzteres von der jeweiligen Regulierungssituation ab.

Es kommt auf die richtigen (Hardware-)Partner an

Was die Schaffung eines richtigen - sprich marktgerechten - Produkt-/Dienstleistungsportfolio anbetrifft, sehen die ADL-Analysten wir ein Campus-Netzwerkportfolio, das aus folgenden Kategorien besteht:

  • Die Fähigkeit, passende "Module" für Dienstleistungen zu liefern, ist entscheidend und erfordert, dass sich der Carrier mit den richtigen Partnern umgeben. Nicht alle Hardwarehersteller bereiten sich auf die gleiche Weise vor.
  • Die Betreiber müssen den Campuskunden genügend Flexibilität bieten. Sie müssen in der Lage sein, attraktive, auf die Bedürfnisse des Campus zugeschnittene Lösungspakete anzubieten.
  • Ein modularer Portfolioansatz ist laut ADL ein effektiver Weg, um die Nachfrage zu befriedigen und gleichzeitig die Kosten zu begrenzen.

Die Motivation, die Chance zu nutzen, die der Markt für Campusnetze bietet, unterscheidet sich laut ADL leicht zwischen Betreibern mit einem bestehenden B2B-Footprint und Herausforderern. Während Erstere Gefahr laufen, Marktanteile in ihrem Kerngeschäft an neue Akteure zu verlieren, haben Herausforderer die Möglichkeit, relativ einfach in einen neuen Markt einzusteigen.

Auch der Anstellwinkel ist zwischen den beiden ist leicht unterschiedlich. Bestehende B2B-Player sollten sich auf ihre Kernkompetenz der Managed Connectivity konzentrieren und ein flexibleres und maßgeschneidertes Angebot für Campus-Kunden anbieten. Für Herausforderer kann das Anbieten (von Teilen) ihres Spektrums eine Möglichkeit sein, um in die B2B-Welt einzusteigen. Durch den Aufbau eines Ökosystems leistungsfähiger Partner (z.B. Anbieter & Lösungsanbieter) können sie sich als Enabler der Industriedigitalisierung positionieren und Marktanteile gewinnen.

Frequenzen für lokale Anwendungen

Während die Frequenzen für bundesweite Zuteilungen aus dem Bereich 2 GHz und 3,4 bis 3,7 GHz versteigert werden (die Auktion läuft noch), stellt die Bundesnetzagentur (BNetzA) daneben den Frequenzbereich 3,7 bis 3,8 GHz für lokale Anwendungen bereit. Diese Frequenzen können für die Industrieautomation bzw. für Industrie 4.0 genutzt werden, aber auch für die Land- und Forstwirtschaft. Ziel ist es, dass diese Bereiche ebenfalls von innovativen 5G-Anwendungen profitieren können.

Die Bundesnetzagentur hat grundlegende Rahmenbedingungen für die Zuteilung solcher lokaler Frequenzen erarbeitet. Die Frequenzen werden nicht versteigert sondern interessierten Parteien auf Antrag zugeteilt. Die Antragsberechtigung kann sich aus dem Eigentum an dem Grundstück sowie aus einem sonstigen Nutzungsrecht wie Miete, Pacht oder Beauftragung ergeben.

Es wird sich dabei grundsätzlich um innerbetriebliche Anwendungen handeln und nicht um Angebote für die Öffentlichkeit. Das Antragsverfahren soll Angaben der BNetzA zufolge in der zweiten Jahreshälfte 2019 beginnen (Einzelheiten zu den Rahmenbedingungen, Verfahrensschritten und Anhörungen finden sich auf der Internetseite www.bundesnetzagentur.de/lokalesbreitband.

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