Bit-Pipe oder Service-Anbieter?

5G-Netzbetreiber brauchen neue und profitablere Geschäftsmodelle

| Redakteur: Jürgen Schreier

Deutschland will und bekommt 5G. Doch wird der Netzausbau für die Netzbetreiber ziemlich teuer. Um die hohen Investitionen zu kapitalisieren, müssen diese neue, ertragreichere Geschäftsmodelle etablieren und ihr Leistungsportfolio grundlegend überdenken - so eine Analyse der Beratungsfirma BearingPoint.

Firmen zum Thema

Der Ausbau der 5G-Infrastruktuir erfordert erhebliche Investitionen, die von den Netzbetreibern gestemmt werden müssen.
Der Ausbau der 5G-Infrastruktuir erfordert erhebliche Investitionen, die von den Netzbetreibern gestemmt werden müssen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Um den hohen Investitionskosten für den Ausbau des 5G-Netzes in Deutschland wieder einzuspielen, müssen die Netzbetreiber sich neu positionieren. Das ist das Ergebnis eines Research Papers der Management- und Technologieberatung BearingPoint und dem IIHD | Institut. Denn 5G weckt Erwartungen: Insbesondere Transport und Logistik, Verkehr und die Fertigung werden sich durch 5G grundlegend verändern. Für 2035 wird eine auf 5G-Technologie basierte globale Wirtschaftsleistung von 11,2 Billionen Euro prognostiziert.

In Deutschland wurde die 5G-Auktion im Juni 2019 erfolgreich beendet. Die Netzbetreiber Telekom, Vodafone, Telefónica (O2) und Drillisch (1&1), die den Zuschlag für die Funkfrequenzen erhielten, haben inzwischen mit dem Ausbau der 5G-Infrastruktur begonnen. Allerdings erfolgte der Ausbau allerdings nur punktuell, vornehmlich in größeren Städten (Ballungsgebieten). Die durch die Bundesnetzagentur geforderte Abdeckung von 98 Prozent der deutschen Haushalte wird vor 2027 voraussichtlich nicht erreicht (Bundesnetzagentur 2019).

Dies verdeutlicht ein Vergleich mit der Vorgängertechnologie 4G / LTE. Knapp zehn Jahre nach Einführung von 4G liegt die Abdeckung bei etwas über 90 Prozent der Haushalte, jedoch nur bei rund 65 Prozent der Fläche in Deutschland (Speedcheck Mobilfunk Report 2019).

Nationales Roaming weckt Interesse

Der 5G-Ausbau wird insbesondere durch die erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur ausgebremst, die die Auktionspreise von 6,5 Milliarden Euro für die Funklizenzen um mehr als das Zehnfache übersteigen werden. Die bestehende Technologie-Infrastruktur muss häufig nicht nur ergänzt, sondern zumindest teilweise durch neue Technologien ersetzt werden.

Dazu gehört beispielsweise die Verlegung von Glasfaserkabeln im Bereich des Core-Netze, aber auch die Entwicklung neuer Mobilfunkübertragungstechnik (zum Beispiel Small Cells). Laut Netzbetreiber Telefónica sind hierfür seitens der Carrier Investitionen in Höhe von 76 Milliarden Euro und der Bau von über 200.000 Mobilfunkstandorten notwendig (Delhaes & Scheuer 2019).

Eine Möglichkeit, um diesen Herausforderungen zu begegnen, bestünde in der Kooperation von Netzwerkbetreibern im Zuge eines "nationalen Roamings". Soo erlaubt der gemeinsame Aufbau eines 5G-Netzwerks die schnelle Umsetzung einer breiten Netzwerkabdeckung mit 5G in Deutschland bei gleichzeitig geringeren Kosten für die einzelnen Anbieter.

Eine Kooperation der Netzbetreiber bietet zudem die Möglichkeit, neue Erlösmodelle zu konzipieren, die bei einer Spezialisierung der Unternehmen auf die Bereitstellung der erforderlichen Infrastrukturen für innovative 5G-Anwendungsfelder zur Realität werden.

Die Wertschöpfung überlässt man (bisher) anderen

Nicht nur wegen der hohen Investitionen müssen sich die Telekommunikationsunternehmen differenzieren, denn bis dato agieren diese meist als nur als "Network Developer". Die Carrier fokussieren sich in ihrem Leistungsportfolio meist lediglich auf die Bereitstellung der Infrastruktur sowie von Basisdiensten wie Messaging, Telefonie und mobiles Internet, weshalb sie nicht selten als "Bit-Pipes" bezeichnet werden.

Das Angebot wertschöpfender und konsumentennaher Services überlassen sie dabei meist Anbietern wie Apple, Google und Co. Letztere nutzen die Infrastruktur der Bit-Pipes, um Kunden digitale Services wie WhatsApp anzubieten, die sogar die klassischen Telekommunikationsdienstleistungen ersetzen.

Prognosen zufolge wird in diesem Jahr der weltweite Umsatzanteil der Dienstleistungen wie FaceTime, Skype und WhatsApp im Bereich Nachrichten bereits bis zu 63 Prozent betragen - mit steigender Tendenz (Mohr & Meffert 2017). Ein ähnliches Bild ergibt sich im Bereich der Telefonie. So werden die Deutschen 2019 erstmalig mehr über neue Dienste telefonieren als über herkömmliche Festnetze (Dialog Consult 2019). Die Folge: Das Kerngeschäft der Telekommunikationsunternehmen erodiert.

Vom der Rolle des Network Developers lösen

"Um die hohen Investitionen in den Infrastrukturausbau kapitalisieren und im Zeitalter von 5G nachhaltig erfolgreich sein zu können, sind Telekommunikationsunternehmen gezwungen, sich neu zu positionieren. Sie müssen sich von der Rolle des Network Developers lösen und selbst zum Service-Anbieter werden. Die 5G-Technologie eröffnet den Netzbetreibern die Möglichkeit, durch neue Geschäftsmodelle und -logiken tiefer in die Wertschöpfung vorzudringen und sich dabei zu 'Service Enablern' oder gar 'Service Creators' zu entwickeln", ist Prof. Dr. HSG Jörg Funder, geschäftsführender Direktor des IIHD | Institut, überzeugt. Differenzierungsmöglichkeiten ergeben sich dabei insbesondere in drei Bereichen:

1. Massive Machine Type Communication (MMTC)

Bei MMTC ist eine Vielzahl von Geräten direkt oder über das Internet miteinander verbunden und agieren autonom, also ohne menschliches Zutun. 5G ermöglicht durch hohe Bandbreiten und niedrige Reaktionszeiten in der Datenübertragung eine bessere Verbindungsqualität und damit die Möglichkeit, eine deutlich höhere Anzahl an Geräten miteinander zu verknüpfen.

MMTC entfaltet sein volles Potenzial insbesondere im Produktionsbereich im Rahmen von "Smart Factories". Ein Vorreiter auf diesem Gebiet ist die Kooperation der beiden Unternehmen Mercedes-Benz und Telefónica beim 5G-Produktionsstandort "Factory 56" in Sindelfingen.

Bereits Juni 2019 hat der Elektroautohersteller e.GO die mobile Datenvernetzung im Werk 1 gestartet. Dort funkt ein 5G-Netz. Vodafone und Technologie-Partner Ericsson bringen dabei 5G-Technologien Mobile Edge Computing (MEC) und Network Slicing direkt in die Fabrik. Ebenfalls mit dabei: SEW-Eurodrive. Der Industrieautomatisierer war bereits in der Konzeptionsphase eingebunden und rüstete in diesem Zusammenhang ein erstes mobiles Assistenzsystem auf die modernen Mobilfunkstandards um.

Im Fokus des e.GO-5G-Campusnetzes steht die Steuerung autonomer Transportfahrzeuge (AGV) sowie das digitale Materialmanagement. Künftig sollen in der hochmodernen Fabrik auch Drehmoment-Werkzeuge und Roboter vernetzt werden.

2. Enhanced Mobile Broadband (EMBB)

5G stellt die Grundlage für EMBB dar, eine Breitbandausprägung, die dem Nutzer von jedem Ort aus jederzeit hohe Übertragungsraten für Internet-Anwendungen ermöglicht - beispielsweise für mobile Multimedia- und Live-Streams mit hohen Auflösungen, interaktive Videos, Internettelefonie und Internetfernsehen. Neu ist, dass in Zeiten von 5G eine Vielzahl von Nutzern innerhalb eines kleinen Radius gleichzeitig solche datenintensiven Anwendungen nutzen können.

EMBB ermöglicht Virtual- und Augmented Reality-Anwendungen - beispielsweise inmitten eines Konzertes oder eines Sport-Events. Bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Südkorea hat Huawei bereits das Potenzial von 5G und EMBB aufgezeigt. Virtual-Reality-Live-Berichterstattungen erzeugten ein "hautnah-Erlebnis", auch für Zuschauer außerhalb der Austragungsstätten.

3. Ultra Reliable Low Latency Communication (URLLC)

5G ebnet den Weg für URLLC-Anwendungen, die auf eine robuste Kommunikation ("Ultra Reliable") sowie minimale Latenzzeiten im Bereich von maximal einer Millisekunde ("Low Latency") angewiesen sind. Neben geringen Ausfallwahrscheinlichkeiten und minimalen Latenzen zählen niedrige Fehler- und Paketverlustraten sowie eine hohe Mobilität der Netzteilnehmer (Bewegung der Objekte innerhalb oder zwischen Funkzellen) zu den zentralen Vorteilen von URLLC.

URLLC erschließt dabei eine komplett neue Klasse an Anwendungsfällen: Dienste, die nicht ausfallen dürfen und kürzeste Antwortzeiten benötigen. Zentrale Anwendungsfelder liegen dabei im Verkehrs- und Automobilsektor (automatische Fahrassistenten und autonomes Fahren), in der Industrie ("Predictive Maintainance" von Industrieanlagen oder "Cloud Robotics") sowie im Gesundheitsbereich mit "Digital Health" und ferngesteuerter Chirurgie (Telemedizin).

Marcel Tietjen, Partner bei BearingPoint: "Netzwerkbetreiber stehen nun vor der zentralen Entscheidung, welche Rolle sie in der 5G-Ära für sich beanspruchen wollen. Verharren sie in der passiven Rolle des Erfüllungsgehilfen oder ergreifen sie die Differenzierungspotenziale und werden zu einem aktiven Gestalter? Entscheiden sie sich für ersteres, setzten sie langfristig ihre Zukunft aufs Spiel. Wollen sie sich zu einem Wertschöpfungspartner für Konsument und Industrie entwickeln, müssen sie jetzt handeln.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 46252332)