Wunsch und Wirklichkeit

5G, 5 Mythen: Das Alles-Netz

| Redakteur: Michael Eckstein

Flexibel, zuverlässig, kurze Latenzen: 5G soll die Grundlage für Zukunftstechnologien wie Industrie 4.0 und neue Mobilitätskonzepte sein. Provider bewerben 5G jedoch wie gewohnt: mit superschnellem Surftempo für Endanwender. Das sorgt für Verwirrung. In fünf Beiträgen entzaubern wir häufige Mythen rund um 5G und zeigen, worauf industrielle Nutzer achten sollten.

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Vielfältig nutzbar: 5G gilt als Enabler für viele vertikale Anwendungen, etwa in der Medizintechnik.
Vielfältig nutzbar: 5G gilt als Enabler für viele vertikale Anwendungen, etwa in der Medizintechnik.
(Bild: Clipdealer)

Nach teilweise holprigem Start arbeiten Provider in mehreren Ländern mit Hochdruck daran, kommerzielle 5G-Dienste einzuführen – zum Beispiel in den USA, China, Südkorea, Japan und auch Deutschland. In den nächsten beiden Jahren werden voraussichtlich umfangreiche Implementierungen in weiteren Regionen folgen.

Diese frühen 5G-Netze sind zunächst für Enhanced Mobile Broadband (eMBB) oder Fixed-Wireless Access (FWA) konzipiert. Sie richten sich im Wesentlichen an Endverbraucher und sind darauf ausgelegt, eine Business Continuity für bestehende LTE-Netze zu gewährleisten. Entsprechend lautet das primäre Nutzenversprechen, die Netzwerkkapazität und -leistung durch höhere Bandbreite und niedrige Latenzzeiten zu verbessern.

Die eierlegende 5G-Wollmilchsau

Dabei hatte die Internationale Fernmeldeunion (ITU) in ihren IMT2020-Empfehlungen formuliert, dass 5G ein leistungsstarkes, extrem zuverlässiges und zukunftssicheres Netzwerk sein soll, das in ganz unterschiedlichen Branchen viele verschiedene Applikationen ermöglicht. Und eben nicht nur den Bedarf im Verbrauchermarkt adressiert. Ein Widerspruch?

Keine Frage: Das Bereitstellen eines einzigen 5G-Netzwerks, das alle Anforderungen abdeckt – aktuelle wie zukünftige – ist eine Herkulesaufgabe. Ob sie überhaupt gelingen kann, ist fraglich. Die Situation ist schwierig: Wie lässt sich 5G erfolgreich positionieren und implementieren? Mit welchen Branchen sollen die Normungsgremien zusammenarbeiten? Welche Rolle werden Mobile Service Providers (MSPs) und ihre Technologielieferanten spielen, um ein neues Business-to-Business (B2B)-Entwickler-Ökosystem zu schaffen, bei dem Unternehmensanwendungen im Fokus stehen?

Marktforscher ABI Research hat die fünf häufigsten 5G-Mythen identifiziert. In einer fünfteiligen Serie wollen wir diese Mythen entzaubern, den Informationsnebel lüften und für mehr Durchblick sorgen.

Mythos #1: Bei 5G dreht sich alles um Bandbreite und Latenzzeit.

Für viele Technologielieferanten und MSPs ist die Sache klar – zumindest suggeriert das ihre Werbung: 5G ist eine überlegene Technologie, weil sie im Vergleich zu ihren Vorgängern einschließlich LTE (Long-Term Evolution) viel höhere Datenübertragungsraten erreichen kann – bei gleichzeitig geringeren Latenzzeiten. Diese beiden Kriterien stehen beim Vermarkten im Fokus.

Richtig ist: 5G-Mobilfunknetze KÖNNEN deutlich höhere Bandbreiten bereitstellen als die der Vorgängergeneration. Auch die Reaktionszeiten KÖNNEN deutlich geringer sein, bis hinab zu wenigen Millisekunden. Dafür müssen aber mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Dazu zählen die Nutzung des Millimeterwellen-Spektrums (mmWave), hohe Funkzellendichte, breite Trägerkanäle und nach Möglichkeit Freifeldbedingungen. Außerdem muss die 5G-Technik durchgängig installiert sein – vom Endgerät über die Basisstation bis zum Core-Netzwerk.

Die erste 5G-Generation wird aber in der Regel zunächst als LTE-Add-On implementiert. Diese „Not Stand-alone“-(NSA-)Architektur nutzt vorhandene LTE-Infrastrukturen und zum Teil LTE-Funktionen. So erfolgt etwa die Kommunikation mit den Mobilfunkmasten und Servern über 4G, während Endgeräte für die Datenübertragung Frequenzen aus den 5G-Spektren nutzen können.

Auch der für dynamische Applikationen – Stichwort Connected Car – wichtige schnelle Wechsel zwischen benachbarten Mobilfunkzellen wird mit NSA-5G noch nicht adressiert. Die real erreichbare Performance hängt noch von vielen weiteren Parametern ab. Zum Beispiel von der Benutzerdichte pro Funkzelle oder dem Betrieb im Innen- oder Außenbereich. Kurzum: Endverbraucher werden die theoretisch möglichen 5G-Spitzenleistungen zunächst nicht nutzen können.

Volle Performance erst mit NSA-5G

Erst mit dem Stand-alone-5G-Netzwerk ab 3GPP Release 16 wird sich die Gesamtperformance bis zum Edge, also den Endgeräten, kontinuierlich verbessern lassen. Dann werden auch neue Mobilfunkanwendungen auf Basis der „ultrazuverlässigen Low-Latency-Kommunikation“ (URLLC) möglich sein. Die Migration von NSA- zu SA-5G durch die Provider soll für die Benutzer transparent erfolgen.

Laut ABI Research tun Technologieanbieter gut daran, 5G nicht auf ein höheres Datentempo und bessere Latenzen gegenüber LTE zu reduzieren. Der neue Mobilfunkstandard sei auf lange Sicht ein Transformationswerkzeug, das in der Lage ist, flexible Implementierungsszenarien für lizenzierte und nicht lizenzierte Spektren sowie für öffentliche und private Netzwerke zu unterstützen. Viele Funktionen werden erst in den nächsten Jahren nach und nach eingeführt.

Letztlich gehe es darum, die Fähigkeiten von Makro- und Mikrozellen über die reine Konnektivität hinaus zu erweitern und die Infrastruktur in flexible, „intelligente“ Rechenzentren zu verwandeln. Diese sollen in der Lage sein, privaten Konsumenten und industriellen Anwendern individuelle, smarte Dienste bereitzustellen. Unternehmen können auf dieser Basis neue Geschäftsmodelle entwickeln und entlang der gesamten Wertschöpfungskette vermarkten. ABI Research empfiehlt Anbietern, ihre Strategien und Marketing-Rhetorik nicht nur auf die Schublade „mehr Bandbreite und kürzere Latenz“ auszurichten.

Der Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal Elektronikpraxis erschienen.

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